Selbstwert bei ADHS: Warum Du nicht „zu wenig" bist
„Warum kriege ich das nicht hin? Alle anderen schaffen das doch auch."
Wenn sich dieser Satz anfühlt wie ein ständiger Begleiter, dann bist Du damit nicht allein. Und Du bist nicht das Problem.

Warum der Selbstwert bei ADHS so oft leidet
Kinder mit ADHS erhalten im Schnitt deutlich mehr negative Rückmeldungen als Gleichaltrige (Staff et al., 2022; Barkley, 2015). Korrekturen, Ermahnungen, enttäuschte Blicke, über Jahre entsteht daraus ein inneres Bild: „Ich bin das Problem." Dazu kommt die schwierige Eingliederung in soziale Gruppen (Hoza et al., 2005).
Wer jahrelang erlebt, dass Dinge, die anderen leichtfallen, für einen selbst enorme Anstrengung erfordern, entwickelt fast zwangsläufig Selbstzweifel (Edbom et al., 2006). Besonders wenn die ADHS nicht erkannt wurde und die Erklärung fehlt. Dabei entstehen Masking-Strategien, die Betroffene teils über Jahrzehnte anwenden, ohne es wirklich zu realisieren, was häufig immense Kraft kostet und das Gefühl von Identitätsverlust zur Folge haben kann (Mylett et al., 2026; van der Putten et al., 2024). Der Selbstwert bei ADHS schrumpft in sich zusammen.
Die Leistungsfalle
Viele kompensieren das Ganze durch Überperformance: Noch mehr arbeiten, noch perfekter sein, keinen Fehler machen. Das funktioniert, wie andere Masking Strategien kurzfristig, führt aber langfristig oft in die Erschöpfung (Mylett et al., 2026).
Denn wenn Dein Wert an Produktivität hängt, dein Glücksempfinden an Dopaminfarming, bist Du an schlechten ADHS-Tagen automatisch „weniger wert" und kannst zum Teil gar nicht herausfinden, was Dir wirklich Freude bereitet. Das ist eine Falle.
Was hilft
Als Betroffener spreche ich hier auch aus eigener Erfahrung. "Die Lösung" gibt es nicht und bei starken Beeinträchtigungen des eigenen Lebens oder extremer Selbstzweifel ist unbedingt psychotherapeutische oder ärztliche (psychiatrische) Hilfe zu suchen! Hilfe in Anspruch zu nehmen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke, die Veränderungswillen und Reflektionsvermögen zeigt, das sei vorweg gestellt!
Dinge, die ganz praktisch helfen können:
Verstehen: ADHS ist neurobiologisch, kein Charakterfehler (S3-Leitlinie ADHS, 2018; Barkley, 2015). Zu verstehen, wie Dein Hirn funktioniert, kann Dir helfen, Muster besser einzuordnen und Dich als Betroffenen einfacher akzeptieren zu können!
Sichtbar machen: Ein Experiment: Notiere heute Abend 3 Dinge, die Du heute geschafft hast. Das müssen keine großen Dinge sein. Die E-Mail, die im Draft lag. Der Arzttermin, den Du machen wolltest. Die Mahlzeit, die du kochen wolltest und deren Zutaten im Kühlschrank verschrumpeln. Für ein Gehirn, das trainiert ist, Defizite zu sehen, ist das ein bewusster Gegenentwurf. Das Gefühl von Unproduktivität entsteht oft aus dem falsch gepolten Fokus, den man selbst erlernt hat.
Kontakt mit Betroffenen: Zu erleben, dass andere ähnliche Kämpfe kennen, relativiert das Gefühl, allein zu sein.
Unterstützung: Nicht jedem fällt es leicht, sich Fremden gegenüber zu öffnen, daher hilft auch der offene Austausch mit Menschen, die Dich kennen und sehen, wer Du bist. Frag Deinen besten Freund, Deine beste Freundin, Deinen Partner einfach mal: "Was magst Du eigentlich an mir". Die Antwort wird Dir wahrscheinlich positiver vorkommen, als Deine Selbstwahrnehmung es zulässt.
Darüber hinaus kann man im Alltag viele kleine Routinen und "Cheats" anwenden, die einen sicher(er) durch den Alltag bringen. Je nachdem, wo die großen Selbstzweifel sitzen, können schon Gespräche, die Aufklärung über die Neurodivergenz (Psychoedukation) oder simple Strukturmethoden helfen (S3-Leitlinie ADHS, 2018).
Im Coaching erkennen wir die Ankerpunkte, mit denen Du Dich klein hältst und arbeiten daran. Kein toxisches Positiv-Denken, sondern ehrliches Anerkennen dessen, was Du jeden Tag leistest und die eigene Perspektive darauf.
Du schaffst das!
Julius Achenbach ADHS-Coaching & Systemisches Coaching | adhscoach.net
Wichtig: Coaching ersetzt keine Psychotherapie oder ärztliche Behandlung. Solltest Du Dich in einer psychischen Notlage befinden, wende Dich bitte an den ärztlichen Notdienst (116117), den Notruf (112) oder die Telefonseelsorge (0800 1110111 / 0800 1110222).







Danke!!