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ADHS im Studium: Warum Struktur mehr trägt als Disziplin

Autorenbild: Julius Achenbach
Julius Achenbach
28. Sept.
3 Min. Lesezeit

Das Semester fängt gut an. Du nimmst Dir vor, diesmal mitzuschreiben, regelmäßig nachzuarbeiten und früher mit dem Lernen anzufangen. Sechs Wochen später liegen diverse Skripte auf dem (digitalen) Schreibtisch, die erste Prüfung ist in zehn Tagen, und Du fragst Dich, warum Du es nie hinbekommst.


Wenn Du das kennst: Das nicht unbedingt Faulheit. Das Studium ist häufig die erste Lebensphase, in der wenig Struktur von außen kommt und viel Selbststeuerung verlangt wird. Genau dort liegt bei ADHS die anfälligste Stelle.


Was die Forschung über ADHS im Studium zeigt


Eine vierjährige Längsschnittstudie mit 456 Studienanfängerinnen und Studienanfängern, davon die Hälfte mit ADHS, fand über alle vier Jahre hinweg deutlich niedrigere Notendurchschnitte in der ADHS-Gruppe (DuPaul et al., 2021).


Auch der Verbleib im Studium unterschied sich: 59,1 Prozent der Studierenden ohne ADHS schafften acht Semester oder den Abschluss, in der ADHS-Gruppe waren es 49 bis 54 Prozent (DuPaul et al., 2021).


Besonders groß war der Unterschied beim Einsatz von Lernstrategien. Studierende mit ADHS berichteten sehr viel seltener, Techniken wie Zeitplanung, Zusammenfassungen oder eine geregelte Prüfungsvorbereitung tatsächlich zu nutzen (DuPaul et al., 2021).


Warum gerade das Studium so schwer zu greifen ist


Im Studium liegt zwischen Deiner Handlung und ihrer Konsequenz oft ein halbes Jahr. Niemand kontrolliert, ob Du heute die Vorlesung nachgearbeitet hast. Die Rückmeldung kommt erst in der Klausur.

Ein Gehirn, das kurzfristige Signale braucht, findet in dieser Leere kaum Halt. Deshalb bringt es wenig, sich mehr Disziplin vorzunehmen. Es bringt etwas, die fehlende Struktur nach außen zu verlegen.


Studentin im Studium

Was Du (unter anderem) tun kannst:


  • Einen Nachteilsausgleich prüfen: Studierende mit einer längerfristigen Beeinträchtigung haben ein Recht darauf, Nachteilsausgleiche zu beantragen, zum Beispiel Schreibzeitverlängerung, Pausen, einen separaten Raum oder eine andere Prüfungsform.

  • Rückwärts planen: Trage zuerst den Prüfungstermin ein, dann den letzten Wiederholungstag, dann den Tag, an dem der Stoff einmal durch sein muss. Erst danach die einzelne Woche.

  • Timeboxing: Eine feste Uhrzeit und ein fester Ort schlagen jede Tagesform. Nicht "heute lernen", sondern "dienstags 10 Uhr, Bibliothek, Platz am Fenster". Am besten kombiniert mit einer fixen Deadline.

  • Body Doubling: Eine verabredete Lerngruppe oder eine Person, die zur gleichen Zeit an ihren eigenen Sachen sitzt, ersetzt einen Teil der Struktur, die von außen fehlt.

  • Angebote der Hochschule nutzen: In der Studie hing ein besserer Studienverlauf unter anderem damit zusammen, ob Studierende Unterstützungsangebote und Nachteilsausgleiche tatsächlich in Anspruch nahmen (DuPaul et al., 2021). Auch wenn es schwer fällt, Hilfsangebote zu nutzen ist kein Zeichen von Schwäche.


Dass strukturierte Unterstützung bei ADHS im Studium etwas bewegt, ist gut belegt. In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 250 Studierenden mit ADHS verbesserte ein Programm aus Gruppensitzungen und Einzelmentoring über zwei Semester die ADHS-Symptomatik, die exekutiven Funktionen und die Nutzung von Nachteilsausgleichen mit mittleren bis großen Effekten (Anastopoulos et al., 2021).


Im Coaching arbeite ich mit Studierenden entsprechend nicht am Lernstoff, sondern an dem Gerüst darum herum: wann, wo und womit angefangen wird, und was passiert bzw. wie man damit umgeht, wenn der Plan kippt. Denn, Spoiler, das passiert regelmäßig, mit oder ohne ADHS, und den Wiedereinstieg zu finden ist der Schlüssel.


Die S3-Leitlinie ADHS empfiehlt Psychoedukation als Basisstrategie aller Interventionen bei Erwachsenen mit ADHS, also zuerst zu verstehen, wie die eigene Symptomatik wirkt (AWMF, 2018). Entsprechend stellt "Verstehen" die Grundlage für zielgerichtete Selbststeuerung dar.


Du schaffst das!



Julius Achenbach

ADHS-Coaching & Systemisches Coaching | www.adhscoach.net


Wichtig: Coaching ersetzt keine Psychotherapie oder ärztliche Behandlung. Solltest Du Dich in einer psychischen Notlage befinden, wende Dich bitte an den ärztlichen Notdienst (116117), den Notruf (112) oder die Telefonseelsorge (0800 1110111 / 0800 1110222).


Quellen:


1. DuPaul, G. J., Gormley, M. J., Anastopoulos, A. D., Weyandt, L. L., Labban, J., Sass, A. J., Busch, C. Z., Franklin, M. K., & Postler, K. B. (2021). Academic Trajectories of College Students with and without ADHD: Predictors of Four-Year Outcomes. Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, 50(6), S. 828 bis 843. https://www.google.com/url?q=https://doi.org/10.1080/15374416.2020.1867990&source=gmail&ust=1790666472071000&sa=E


2. Anastopoulos, A. D., Langberg, J. M., Eddy, L. D., Silvia, P. J., & Labban, J. D. (2021). A randomized controlled trial examining CBT for college students with ADHD. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 89(1), S. 21 bis 33. https://www.google.com/url?q=https://doi.org/10.1037/ccp0000553&source=gmail&ust=1790666472071000&sa=E


3. AWMF (2018). Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter", Kurzfassung, AWMF-Registernummer 028-045, Abschnitt 1.3.1.4.3.1. Registereintrag: https://www.google.com/url?q=https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045&source=gmail&ust=1790666472071000&sa=E

 
 
 

1 Kommentar


Gast
28. Sept.

super!

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ADHS-Coach | Julius Achenbach | online

Julius Achenbach

ADHS-Coach, ADHS-Betroffener, Entwickler des AGIL-Frameworks

Ich bin systemischer Coach (IHK, SCGD) und habe AGIL in meiner Masterarbeit (M.Sc. Wirtschaftsinformatik) wissenschaftlich hergeleitet.

Wichtig: Coaching ersetzt keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung. Es unterstützt im Alltag mit praxisnahen Werkzeugen zur Selbststeuerung.

 

Wer macht was? Psychologen haben Psychologie studiert, beraten und arbeiten diagnostisch, führen aber keine Psychotherapie durch. Psychotherapeuten haben nach einem Psychologie- oder Medizinstudium eine staatlich geregelte Ausbildung abgeschlossen und behandeln psychische Erkrankungen mit anerkannten Verfahren. Psychiater sind Fachärzte, behandeln psychische Erkrankungen medizinisch und verschreiben Medikamente.

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