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ADHS und Autismus: Was beides unterscheidet und verbindet

Autorenbild: Julius Achenbach
Julius Achenbach
vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Du liest über Autismus und erkennst Dich an mehreren Stellen wieder. Volle Räume strengen Dich an, Smalltalk liegt Dir nicht, und in manche Themen tauchst Du so tief ein, dass Du alles um Dich herum vergisst. Dabei hast Du doch ADHS, oder?


ADHS und Autismus werden oft zusammen genannt und können auch gleichzeitig vorliegen. Es sind aber zwei verschiedene Diagnosen.


In diesem Beitrag erfährst Du, was ADHS und Autismus unterscheidet, wo sie sich überschneiden und was Dir im Alltag helfen kann.

Eine Person mit Kopfhörern sitzt vor einem Sessel und schreibt in ein Notizbuch, ein ruhiger Moment im Alltag mit ADHS und Autismus.

Was ADHS und Autismus unterscheidet

Bei ADHS geht es um Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Erwachsene haben vor allem Mühe, Alltag und Arbeit zu organisieren, sich lange auf Aufgaben zu konzentrieren und Termine einzuhalten. Viele spüren eher innere Unruhe als äußere Hyperaktivität (IQWiG, 2022). Mehr dazu im Beitrag ADHS Symptome.


Autismus zeigt sich vor allem in zwei Bereichen: in anhaltenden Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und in der Kommunikation sowie in eingeschränkten, sich wiederholenden und wenig flexiblen Verhaltensmustern und Interessen. Genau diese beiden Bereiche gehören nicht zu ADHS (WHO, 2025). Routinen sind autistischen Menschen oft wichtig, Spontaneität fällt ihnen schwer. Manche reagieren besonders empfindlich oder auch unempfindlich auf Geräusche, Gerüche oder Berührungen (Bundesministerium für Gesundheit, 2024).


Wo sich ADHS und Autismus überschneiden

Beide gehören zu den neuronalen Entwicklungsstörungen. Sie beginnen in der Kindheit, werden aber manchmal erst im Erwachsenenalter erkannt (WHO, 2025).


Auch bei Autismus ist die Aufmerksamkeit oft zu stark gebündelt oder leicht ablenkbar, dazu kommen häufig Impulsivität und Unruhe (WHO, 2025). In Vergleichsstudien mit Kindern und Jugendlichen zeigten beide ähnliche Schwierigkeiten, etwa bei Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und flexiblem Umdenken (Townes et al., 2023).


Umgekehrt reagieren auch Erwachsene mit ADHS häufiger als der Durchschnitt über- oder unterempfindlich auf Reize, vor allem auf Geräusche, unabhängig von autistischen Merkmalen (Bijlenga et al., 2017). Beide zählen außerdem zur Neurodivergenz (Doyle, 2020), mehr dazu im Beitrag Neurodivergent.


Wie oft ADHS und Autismus zusammen auftreten

In älteren Diagnosehandbüchern schlossen sich beide Diagnosen gegenseitig aus. Erst seit dem DSM-5 von 2013 und in der neuen ICD-11 dürfen sie gemeinsam gestellt werden (Young et al., 2020; WHO, 2025).


Übersichtsarbeiten finden bei etwa 28 bis 40 Prozent der autistischen Menschen auch eine ADHS (Lai et al., 2019; Rong et al., 2021). Umgekehrt erfüllten etwa 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit ADHS auch die Kriterien für Autismus (Hollingdale et al., 2020). In Kliniken liegen die Werte höher als in der Bevölkerung (Lai et al., 2019).


Beides tritt in Familien gehäuft auf (Ghirardi et al., 2018), und auch in den Genen gibt es deutliche Überschneidungen (Grove et al., 2019).


ADHS und Autismus im Alltag: Was Dir helfen kann

Findest Du Dich in beidem wieder, können sich Deine Bedürfnisse widersprechen, etwa nach Abwechslung und nach festen Abläufen.

  • Reize dosieren: Übliche Anpassungen sind Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, ein eigener Besprechungsraum oder Fahrten außerhalb des Berufsverkehrs (Doyle, 2020).

  • Gerüst mit Spielraum: Plane feste Zeiten für Essen, Pausen und Schlaf ein und lass dazwischen Platz für Neues.

  • Konkret absprechen: Andeutungen und Ironie sind bei Autismus oft schwer zu deuten (Bundesministerium für Gesundheit, 2024). Bitte deshalb um klare Absprachen, am besten schriftlich.

  • Abklären lassen: Ob Autismus vorliegt, können nur Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten feststellen. Bei Erwachsenen ist das oft schwieriger, weil viele gelernt haben, Merkmale zu verbergen, das sogenannte Masking (Bundesministerium für Gesundheit, 2024).


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Julius Achenbach

ADHS-Coaching & Systemisches Coaching | adhscoach.net


Wichtig: Coaching ersetzt keine Psychotherapie oder ärztliche Behandlung. Solltest Du Dich in einer psychischen Notlage befinden, wende Dich bitte an den ärztlichen Notdienst (116117), den Notruf (112) oder die Telefonseelsorge (0800 1110111 / 0800 1110222).


Quellen


Bijlenga, D., Tjon-Ka-Jie, J. Y. M., Schuijers, F. und Kooij, J. J. S. (2017). Atypical sensory profiles as core features of adult ADHD, irrespective of autistic symptoms. European Psychiatry, 43, 51 bis 57. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2017.02.481


Bundesministerium für Gesundheit (2024). Autismus. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Stand 04.07.2024. https://gesund.bund.de/autismus


Doyle, N. (2020). Neurodiversity at work: a biopsychosocial model and the impact on working adults. British Medical Bulletin, 135(1), 108 bis 125. https://doi.org/10.1093/bmb/ldaa021


Ghirardi, L., Brikell, I., Kuja-Halkola, R., Freitag, C. M., Franke, B., Asherson, P., Lichtenstein, P. und Larsson, H. (2018). The familial co-aggregation of ASD and ADHD: a register-based cohort study. Molecular Psychiatry, 23(2), 257 bis 262. https://doi.org/10.1038/mp.2017.17


Grove, J., Ripke, S., Als, T. D. et al. (2019). Identification of common genetic risk variants for autism spectrum disorder. Nature Genetics, 51(3), 431 bis 444. https://doi.org/10.1038/s41588-019-0344-8


Hollingdale, J., Woodhouse, E., Young, S., Fridman, A. und Mandy, W. (2020). Autistic spectrum disorder symptoms in children and adolescents with attention-deficit/hyperactivity disorder: a meta-analytical review. Psychological Medicine, 50(13), 2240 bis 2253. https://doi.org/10.1017/S0033291719002368


Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (2022). ADHS bei Erwachsenen. https://www.gesundheitsinformation.de/adhs-bei-erwachsenen.html


Lai, M.-C., Kassee, C., Besney, R., Bonato, S., Hull, L., Mandy, W., Szatmari, P. und Ameis, S. H. (2019). Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 6(10), 819 bis 829. https://doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30289-5


Rong, Y., Yang, C. J., Jin, Y. und Wang, Y. (2021). Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in individuals with autism spectrum disorder: A meta-analysis. Research in Autism Spectrum Disorders, 83, 101759. https://doi.org/10.1016/j.rasd.2021.101759


Townes, P., Liu, C., Panesar, P., Devoe, D., Lee, S. Y., Taylor, G., Arnold, P. D., Crosbie, J. und Schachar, R. (2023). Do ASD and ADHD have distinct executive function deficits? A systematic review and meta-analysis of direct comparison studies. Journal of Attention Disorders, 27(14), 1571 bis 1582. https://doi.org/10.1177/10870547231190494


Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2025). ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6A02 Autism spectrum disorder und 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder. https://icd.who.int/browse/2025-01/mms/en


Young, S., Hollingdale, J., Absoud, M., Bolton, P., Branney, P., Colley, W. et al. (2020). Guidance for identification and treatment of individuals with attention deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder based upon expert consensus. BMC Medicine, 18, 146. https://doi.org/10.1186/s12916-020-01585-y

 
 
 

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Julius Achenbach

ADHS-Coach, ADHS-Betroffener, Entwickler des AGIL-Frameworks

Ich bin systemischer Coach (IHK, SCGD) und habe AGIL in meiner Masterarbeit (M.Sc. Wirtschaftsinformatik) wissenschaftlich hergeleitet.

Wichtig: Coaching ersetzt keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung. Es unterstützt im Alltag mit praxisnahen Werkzeugen zur Selbststeuerung.

 

Wer macht was? Psychologen haben Psychologie studiert, beraten und arbeiten diagnostisch, führen aber keine Psychotherapie durch. Psychotherapeuten haben nach einem Psychologie- oder Medizinstudium eine staatlich geregelte Ausbildung abgeschlossen und behandeln psychische Erkrankungen mit anerkannten Verfahren. Psychiater sind Fachärzte, behandeln psychische Erkrankungen medizinisch und verschreiben Medikamente.

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